Der Mönch von Heisterbach
Eine Legende über die Relativität von Raum und Zeit

 Die Erzählung finden Sie zusätzlich in Gedichtform am Ende dieser Seite.
 Der Grafiker Werner Freise hat ein schönes Filmchen über den Mönch von Heisterbach gemacht. Sie können es hier anschauen.
 Literatur: Kurt Roessler: Der Mönch von Heisterbach zu Zeit und Ewigkeit, (Schriften der Stiftung Abtei Heisterbach). Näheres dazu.
In dem waldverlorenen Kloster Heisterbach lebte einst ein Mönch, der war im ganzen Lande sehr berühmt wegen seiner großen Gelehrsamkeit. Keiner kannte so gut wie er die heilige Schrift. Auch trieb er andere Wissenschaften und suchte so alles zu erforschen, was Gott geoffenbart und geschaffen hat. Hierbei geriet er aber in Zweifel und dadurch wiederum in große Unruhe. Nichts wollte mehr vor ihm Bestand haben, was er je als Wahrheit gläubig hingenommen hatte. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. Schon war es soweit. daß er bisweilen selbst an Gott zu zweifeln begann. Da sagte eines Tages sein Abt, der nicht allzuviel von aller Gelehrsamkeit hielt und ein gar frommer Mann war, gutmütig spottend und gleichzeitig doch warnend zu ihm: „Bruder, es gibt soviel des Wissens, das der Seele ganz undienlich ist; und alles Wissen macht noch längst nicht weise.“ Dann fügte er ernst noch hinzu, indem er ein heiliges Wort leicht veränderte: „Was nützte es dir denn, wenn du die ganze Welt begriffest und dabei Schaden littest an deiner Seele?“ Diese Worte machten den Mönch betroffen. Zwar dachte er gleich darauf mit einigem Trotz: „Was weiß denn dieser Einfältige von der Süße des Wissens und von der rechten Wahrheit?!“ Da aber erkannte er, daß die Hoffart der Gelehrten, die den Weisen unbekannt ist, schon Besitz von ihm genommen hatte. Sogleich suchte er die rechte Demut wieder zurückzugewinnen. Auch betete er vergeblich: „Ich glaube, Herr, Hilf meinem Unglauben!“ Er war verstört. Die reine Einfalt des rechten Glaubens, dieses unwissende Vertrauen auf Gott, wollte sich nicht mehr einstellen.

Fortan war er wie in die Wüste des Grübelns und Zweifels gebannt. So manches Wort der Heiligen Schrift ward ihm zu einem Rätsel, dessen Unerforschlichkeit seine Seele zerriß. Da kasteite er sich und rief den Heiligen Geist an und bat Gott Tag um Tag, daß er ihn doch in den stillen Bereich der heiligen Schau und des unerschütterlichen Glaubens zurückkommen lasse. Doch Gott schien ihn nicht erhören zu wollen. Voller Unrast blieb er und begriff nun wohl, daß jenen der Himmel gehört, die arm im Geiste sind. Um diese Zeit las er wieder einmal im Psalm*) die Worte: „Tausend Jahre sind vor Gott wie ein Tag.“ Schon wollte er „Ja“ dazu sagen und es nicht anders hinnehmen, als wie es da geschrieben stand. Dann aber fuhr der Zweifel in ihn, gleich einem verheerenden Sturmwind. Denn: „Wie kann die Zeit vor Gott in Nichts zergehen?!“, so fragte er sich und fand keine Antwort darauf. Grübelnd trat er aus seiner Zelle in den Kreuzgang und dann ins Freie hinaus. Den Klostergarten durchmessend, sann er angestrengt über das Wesen der Zeit nach und wie sich dieses zu Gottes eigenem Wesen verhält. Auch stieß er dabei auf jenes andere Rätsel, was den der Raum ist. Und Gott, der auf alles achtet und dessen liebste Söhne vielleicht gerade jene sind, die sich so schwermütig forschend in der ungeheuren Welt seiner Rätsel verlieren, um endlich innehaltend das bittere Heimweh zu spüren, aus der unbegreiflichen Welt der Geheimnisse zurück in das bergende Vaterhaus -, Gott also lächelte jetzt wohl und führte den ratlosen Sohn zugleich in die Zeit- wie in die Ratlosigkeit. Es rauschte der Wald, von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne hoch in den Wipfeln verklärt.

Dann sang da plötzlich ein unbekannter Vogel auf und jubilierte so herrlich, daß der grübelnde Mönch aus seinen Gedanken gelockt wurde und sich verwundert fragte, welcher denn von allen heimischen Vögeln so unerhört schön zu singen vermöchte. Wie von dem erstaunlichen Getön zauberisch angezogen, trat der Wißbegierige in den hohen Buchenwald und sah hier den soeben auffliegenden und leicht entschwebenden Vogel, der nicht viel größer als eine Taube war und in allen Farben des Regenbogens schimmerte.

Noch viel neugieriger geworden, schritt der Mönch schnell dem wunderlichen Sänger nach, der sich unweit wieder niedergelassen hatte und von neuem zu flöten und zu quinquillieren begann. Laut schmetterte sein Stimme jetzt, um gleich darauf die innigste und betörendste Weise zu finden. Dann schwebte er wieder auf traumbunten Schwingen herab und mit einer flinken Wendung tiefer in den verdämmernden Wald hinein. Der Mönch folgte und folgte. Wo er sich befand, wußte er schon gar nicht mehr. Da und dort blieb er stehen, um zu lauschen. Sein Herz war voller Sehnsucht und gleichzeitig doch so beseligt, als gäbe es gar nichts mehr, wonach ihn verlangen könnte. Alle Unsal der verstrichenen Monde und Jahre schien von ihm gewichen zu sein. Auf einem Baumstumpf sitzend und die Stirn in die Hände gestützt, schloß er ruhig atmend die Augen, indes der Vogel jetzt über ihm in den Wipfeln verharrte und alle Freude der Welt auf ihn hernieder sang.

Plötzlich aber brach das Lied ab. Der schlafende Mönch merkte nichts davon. Dann sprang er jäh empor; denn es war ihm, als habe eine Schwinge sein bloßes Haupt berührt. „Es ist Zeit, zurückzugehen“, sagte er sich in der ersten Verwirrung. „Was war da soeben?“ Er wußte es nicht mehr. „Habe ich nicht einem Vogel gelauscht? Folgte ich ihm nicht tief in den Wald hinein?“ Lächelnd schüttelte der über sich selbst Verwunderte den Kopf und schritt dann zum Kloster zurück. Doch indem er dessen Garten betrat, schien ihm, als sei hier manches verändert. Sich erstaunt umschauend, vermeinte er geradezu, in einer fremden Umgebung zu sein. Gebäude standen da, die er nie gesehen hatte. Zugleich fiel sein Blick zwar auch auf die altvertraute Klosterkirche mit ihrem zierlichen Dachreiter, auf den Kreuzgang und auf das Kloster selbst. Da war nichts verändert. Oder doch? Jenen Anbau links an der Meierei zum Beispiel kannte er nicht. Auch war ihm dies und jenes ganz ungewohnt. Bestürzt blickte der Zurückgekehrte hierhin und dorthin und wandte sich dann einem Bruder zu, der nahebei vor einem Gemüsebeet stand und das Unkraut ausjätete. „Bruder, was ist hier geschehen, und wie hat sich hier alles verändert?“, fragte er, immer noch ganz verwundert. Da bekam er lachend zur Antwort: „Vater, ihr irrt. ich bin doch schon fast zwanzig Jahre hier im Kloster und wüßte nichts Sonderliches, was derweil anders geworden sein sollte. Doch wo kommt ihr her?“ - Der Mönch stand wie erstarrt. „Weshalb nennst du mich Vater?“, fragte er dann. „Ich bin doch kaum halb so alt wie du.“ - „Halb so alt?“, machte der andere ein verdutztes Gesicht. „Ihr mit Eurem schneeweißen Haar?!“ - Bei diesen Worten entsetzte sich der nun völlig Ratlose. Gleichzeitig spürte er eine sonderbare Müdigkeit in den Gliedern Was geht mit mir vor?“, forschte er in sich hinein - und schritt dann, wie auf der Flucht, schnell zur Kirche hin, die er in wahrer Todesangst betrat.

Hier fand er alle Brüder beim Gebet. Doch keinen davon kannte er. Sich an seinen gewohnten Platz begebend, fand er diesen besetzt. Unschlüssig blickte er sich um. Ja es war ihm wie in einem bösen Traum zumute. Da trat der Abt unwillig zu ihm hin und fragte: „Fremder, was ist mit dir, und warum wartest du nicht, bis unser Gebet beendet ist?“ - Fremder? Dieses Wort traf ihn noch ärger als alles andere zuvor. „Ich gehöre doch hierher!“, schrie er auf. „Wo ist mein Abt Albertus, und wo sind meine Brüder, mit denen ich noch vor Stunden hier gebetet habe?“

Alle schauten so befremdet auf den Mönch, als spräche er etwas durchaus Unverständliches. Dann erkundigte man sich, wie er heiße und woher er komme. Und man begriff ihn nicht, als er antwortete, daß er Ivo heiße und im gleichen Jahr hier zu Heisterbach ins Kloster eingetreten sei, als Engelbert von Berg Erzbischof von Köln wurde . „Das sind dreihundert Jahre her“, sagte ungläubig der Abt und machte dazu ein Gesicht, als meinte er, einem Verrückten gegenüberzustehen. Da aber trat ein weiterer Mönch hinzu und sprach: „Nanntest Du dich soeben nicht Ivo? In den Annalen unseres Klosters steht vermerkt, daß ein Mönch dieses Namens zu Engelberts Zeiten hier im Kloster lebte Er soll sehr gelehrt, doch ein Zweifler gewesen sein. Eines Tages verschwand er im Walde und kehrte nie mehr zurück.“

Wie vom Blitz getroffen, stand da Ivo. Plötzlich begriff er alles. „Denn tausend Jahre sind dir wie ein Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache“ erklang es in ihm Mit schimmernden Augen, aus denen Tränen rannen, blickte er die Brüder alle an. Dann begann er mit zitternder Stimme zu erzählen, wie er bei all seinem gelehrten Forschen zum Zweifler geworden war und wie Gott ihn in die Zeitlosigkeit geführt hatte, um ihn erst jetzt wieder daraus zurückkehren zu lassen. Pater Ivo brach vor dem Altar auf die Knie nieder und stammelte: „Ein Wunder hast Du, o Herr, an mir getan. Sei gepriesen in Ewigkeit!“ Eine unsagbare Seligkeit erfüllte sein Herz. Und indem die anwesenden Mönche noch erstaunt auf ihn blickten und nicht wußten, was sie von alledem denken sollten, sank er plötzlich nach vorn auf sein Gesicht, streckte wie zum demütigen Gebet langsam die Arme aus - und verschied.

Quelle: Goswin Peter Gath: „Rheinische Legenden“, Seiten 178-181, Greven Verlag, Köln 1955. Die Legende wurde mir freundlicherweise von Pater Martin Stock, Bibliothekar im Zisterzienser-Kloster Himmerod, 54534 Großlittgen/Südeifel überlassen.

*) Hier sind die Bibelstellen:
2. Petrus 3, 8:
8 – Das eine, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: daß beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind.
Vermutlich hat Petrus den Text aus den Psalmen zitiert. Er kannte sicher die Psalmen.

Psalm 90, 4:
4 – Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. 5 – Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sproßt, 6 – das am Morgen blüht und sproßt und des Abends welkt und verdorrt.

Der Benediktinerpater Anselm Grün OSB sagt zum Thema „Zeit ist Ewigkeit – Ewigkeit ist Zeit“ (Zitiert in http://www.ewigewiederkehr.de):
„Ewigkeit meint auch nicht die unbegrenzte Dauer der Zeit oder die ewige Wiederkehr des Gleichen. Ewigkeit hat zwei Bedeutungen: Einmal ist es das andauernde Jetzt, der Augenblick, in dem die Ewigkeit einbricht in unser Leben. Es ist ein Augenblick, in dem wir das Gespür für die Zeit verlieren wie der Mönch von Heisterbach. Und Ewigkeit ist die Negation aller Zeitlichkeit. So verstand Platon seine ewigen Ideen, die der Zeit entrückt sind...“
Eine vermutete (vorläufige) Quelle zu obiger Legende:
Herr Dr. Wolfgang Breidert
(E-Mail: Wolfgang.Breidert@gmx.de – Wikipedia: Dr. Wolfgang Breidert)
schickte mir am 25. Juli 2016 folgende Gedanken zu der Legende vom „Mönch von Heisterbach“:

Sehr geehrter Herr Frank,
die Legende vom Mönch von Heisterbach dürfte bei dem griechischen Philosophen Epimenides ihre (vorläufige) Quelle haben. Dieser soll nach Diogenes Laertius 57 Jahre geschlafen haben. Nach seinem Erwachen – er glaubte nur kurz geschlafen zu haben – waren seine Schafe weg und sein Acker verkauft. In seinem Haus wurde er gefragt, wer er sei. Nur sein altgewordener jüngerer Bruder erkannte ihn. Diese Geschichte wird übrigens auch bei Hans Sachs berichtet, der die Stelle von Diogenes Laertius nur in Verse gesetzt hat. Wahrscheinlich hat irgendein Mönch mal in Diogenes Laertius gelesen – oder sogar in Hans Sachs. Ich weiß nicht, wo etwas Derartiges sonst noch vorkommt.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Wolfgang Breidert

Eine Ergänzung zur Legende „Mönch von Heisterbach“:
Herr Pfarrer Markus Hoitz (E-Mail: 310044122678-0001@t-online.de) schickte mir am 09. Dezember 1998 folgende Ergänzung zu der Legende vom „Mönch von Heisterbach“. Ich gebe den Text hiermit gern weiter:

Sehr geehrter Herr Frank!
Ihr Beitrag und die Ausschmückung zur Legende vom „Mönch von Heisterbach“ ist interessant zu lesen. Vor allem die Überschrift „Relativität von Raum und Zeit“, ist doch diese Legende wirklich die Vorwegnahme der Einstein'schen Relativitätstheorie. Der Legende nach wurde aber der entflohene bzw. in Meditation versunkene Mönch (ich glaube nicht, daß er gezweifelt hat) nicht vom Verstummen des Vogelgezwitschers, sondern von der zum Gebet rufenden Klosterglocke aus dem Schlafe geweckt. Übrigens handelt es sich bei dieser Legende um eine spezifisch zisterziensische Wanderlegende, denn sie wird schon bei Jongelinus in ähnlichem Wortlaut über den Abt Ero eines spanischen Zisterzienserklosters erwähnt und in einer Zisterze in den Pyrenäen *) (ich weiß jetzt nicht welche) gibt es eine Gedenktafel mit derselben Legende.

Mit herzlichen Grüßen von der Stiftung “Abtei Heisterbach“.
gez. Hoitz

*) Eine Ergänzung zu obiger Nachricht:
Herr Javier de Goitia (E-Mail: jgoitia@teol.deusto.es) von der Univerität de Geusto in Bilbao (Spanien) schickte mir am 17. Oktober 2001 folgenden Hinweis zu dem oben erwähnten Kloster in den Pyrenäen. Ich gebe den Text hiermit gern weiter:

„Sehr geehrter Herr Frank!
Gerade habe ich Ihren Aufsatz über den Mönch von Heisterbach gelesen. Ich selber war daran sehr interessiert, weil ich in meinen jungen Jahren den Rektor der dortigen Augustinerinnen mehrmals während der Sommerferien vertreten habe.

Das Kloster „in den Pyrenäen“, wo dieselbe Legend lebt, ist das Kloster von Leyre. Es liegt im ehemaligen Königreich Navarra, nicht sehr weit vom Schloß Javier wo der heilige Franz von Xaver geboren ist.

Der Mönch heißt in der hiesigen Legende Virila (Es ist der Name des Gründers dieses Klosters). Das Kloster ist zur Zeit von Benediktinern bewohnt, von denen auch es gegründet wurde. Aber die Legende, soweit ich informiert bin, ist Zisterzienser Tradition.
Mit meinen besten Grüßen bleibe ich
Ihr Javier de Goitia
Universidad de Deusto
Bilbao, Spanien“

Eine ähnliche Legende aus den Pyrenäen:
Frau Dr. Elena Galzusta aus dem Baskenland in Spanien (E-Mail: galzusta@outlook.es) schickte mir am 13. September 2016 folgende Anmerkung:

»Übrigens handelt es sich bei dieser Legende um eine spezifisch zisterziensische Wanderlegende, denn sie wird schon bei Jongelinus in ähnlichem Wortlaut über den Abt Ero eines spanischen Zisterzienserklosters erwähnt und in einer Zisterze in den Pyrenäen (ich weiß jetzt nicht welche) gibt es eine Gedenktafel mit derselben Legende.
Meinen Sie vielleicht den Mönch Virila aus dem IX Jahrhundert?
Die Legende von Virila spricht von Ewigkeit, Natur, Relativität der Zeit und des Zeitgefühls, usw...
Die Legende aus den Pyrenäen ist ähnlich: Vogelgesang, Wald, usw. Als Virila wieder zu sich kam, ging er zurück zum Kloster namens Leire und es waren Jahrhunderte vergangen.«


– und in einer zweiten Mitteilung schrieb Frau Dr. Elena Galzusta:
»Mein Vater hat mir oft die Geschichte von Virila erzählt, ungefähr so wie man sie heute in Wikipedia lesen kann:
An einem Frühlingstag ist der Abt Virila in den Wald spazieren gegangen, in der Umgebung von seinem Kloster. Er hat sich unter einen Baum gesetzt und war so entzückt von dem Gesang eines Vogels, dass er ihm bis zu einer Quelle gefolgt ist. Da ist er eingeschlafen. Als er aufwachte, ging er zurück zum Kloster. Er klopfte an die Tür, aber dort hat ihn niemand erkannt. Es waren inzwischen hunderte von Jahren vergangen.
Der Heilige Virila stammt angeblich aus Tiermas (Zaragoza), war aber Abt in Leire (Zisterzienser, Nafarroa) – Wikipedia: Kloster San Salvador de Leyre. Der Abt Ero de Armenteira stammte aus Galizien, da wo der Jakobsweg endet.«

Herr Norbert Koch(E-Mail: norbert.koch1@t-online.de) schrieb mir am 24. März 2005:
„Die ehemalige Abtei Heisterbach ist heute ein Altenheim und eine Anlaufstelle für schwangere Frauen, die ihr Kind austragen wollen und auf seelische und materielle Hilfe angewiesen sind. Den Geist der Zisterzienser kann man aber immer noch spüren, wenn man auf dem Gelände auf spirituelle Pirsch geht. So entdeckte ich in der hohen Klostermauer, die das Areal umschließt, eine verschlossene Tür mit der Inschrift (frei zitiert):
„Gott ist erhaben über Ort und Zeit. Ich weiß, ihm sind tausend Jahre wie ein Tag, und ein Tag ist ihm wie sie tausend Jahr.“
Ich gebe diese Information mit Erlaubnis von Norbert Koch hiermit gern weiter.
Der Mönch von Heisterbach
von Wolfgang Müller

Ein junger Mönch des Klosters Heisterbach
Lustwandelt an des Gartens fernstem Ort.
Der Ewigkeit sinnt still und tief er nach
Und forscht dabei in Gottes heil'gem Wort.

Er liest, was Petrus der Apostel sprach:
Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.
Doch wie er sinnt, es wird ihm nimmer klar.

Und er verliert sich zweifelnd in den Wald.
Was um ihn vorgeht, hört und sieht er nicht.
Erst wie die fromme Vesperglocke schallt,
Gemahnt es ihn der ernsten Klosterpflicht.

Im Lauf erreichet er den Garten schnell;
Ein Unbekannter öffnet ihm das Tor.
Er stutzt – doch sieh, schon ist die Kirche hell
Und draus ertönt der Brüder lauter Chor.

Nach seinem Stuhle eilend tritt er ein.
Doch wunderbar, ein andrer sitzet dort,
Er überblickt der Mönche lange Reih'n:
Nur Unbekannte findet er am Ort.

Der Staunende wird angestaunt ringsum,
Man fragt nach Namen, fragt nach dem Begehr,
Er sagt's, da murmelt man durchs Heiligtum:
Dreihundert Jahre hieß so niemand mehr.

Der letzte dieses Namens, tönt es laut,
Er war ein Zweifler und verschwand im Wald;
Man hat den Namen keinem mehr vertraut,
Er hört das Wort, es überläuft ihn kalt.

Er nennt den Abt und nennt das Jahr.
Man nimmt das alte Klosterbuch zur Hand,
Da wird ein großes Gotteswunder klar:
Er ist's, der drei Jahrhunderte verschwand.

Der Schrecken lähmt ihn, plötzlich graut sein Haar.
Er sinket hin, ihn tötet dieses Leid.
Und sterbend mahnt er seiner Brüder Schar:
Gott ist erhaben über Ort und Zeit.

Was er verhüllt, macht nur ein Wunder klar.
Drum grübelt nicht, denkt meinem Schicksal nach.
Ich weiß, ihm ist ein Tag wie tausend Jahr,
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.

Wenn Sie mehr über die Legende „Der Mönch von Heisterbach“ wissen wollen:
  • Ausführliche, fundierte Informationen über die Legende „Der Mönch von Heisterbach“ finden Sie in folgendem 26seitigem Heft von Prof. Dr. Kurt Roessler:
    Kurt Roessler: Der Mönch von Heisterbach zu Zeit und Ewigkeit.
    (Schriften der Stiftung Abtei Heisterbach, [Nr. 6]), Königswinter [2003]. 26 Seiten. Zu erhalten bei der „Stiftung Abtei Heisterbach“, Rennebergstraße 1, 53639 Königswinter, Herrn Pfarrer i.R. Georg Kalckert, E-Mail georg.kalckert[at]web.de, Telefon 02223-700737. Preis: 2,50 € plus Versandkosten.
  •  Der Grafiker Werner Freise hat ein schönes Filmchen über den Mönch von Heisterbach gemacht. Sie können es hier anschauen.
  • „Verschiedenes aus dem Auge Gottes“ von Gerd Hergen Lübben
Wenn Sie mehr über das Kloster Heisterbach wissen wollen:

Günther W. Frank
Genossensch.-Str. 10
75217 Birkenfeld im Schwarzwald
Deutschland

Bitte senden Sie Hinweise und Verbesserungsvorschläge (Korrekturen, Hinzunahme von interessanten Links) per E-Mail an frank@kombu.de


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